Kryodenervation
Die Effekte von Kälte auf lebendes Gewebe sind in der medizinischen Literatur seit Jahrzehnten bekannt. Arbeiten von Lloyd et al. haben gezeigt, dass durch Kälteeinwirkung auf periphere Nerven lang andauernde Analgesien hervorgerufen werden können. Die Entwicklung von speziellen Kryosonden ermöglichte jedoch erst die gezielte Anwendung des Kälteeffektes zur "Kryoanalgesie".
Bei diesen Kryosonden wird der sogenannte Joule-Thomson-Effekt, nach dem sich Gase unter Druck beim Austritt durch eine kleine Öffnung ausdehnen und abkühlen, zunutze gemacht. Auf diese Weise erzeugen die doppelwandigen Sonden nur an der Sondenspitze eine gezielte Abkühlung, ohne dass dabei das Gas mit dem Gewebe in Berührung kommt
Durch den Einsatz von dünnen und isolierten Kryosonden können die Eingriffe perkutan (durch die Haut) durchgeführt werden. Mit Hilfe des integrierten Simulators und eines Röntgenbildverstärkers lässt sich die Lage der Sondenspitze zum Nerv genau lokalisieren. Einige Sonden sind bis auf die blanke Spitze isoliert, sodass zusätzlich zur Röntgenkontrolle durch motorische (2Hz) und sensorische (100Hz) elektrische Stimulation eine exakte elektrophysiologische Lokalisation der Sonde am Nerv erfolgen kann. Somit kann die Verletzung der wichtigen motorischen Nerven vermieden werden.
Als Medium wird medizinisches CO2 benutzt. Das Gerät wird entsprechend der verwendeten Sonde eingestellt und kühlt unter kontrollierten Bedingungen den Nerv für die gewünschte Zeit. Die Vereisung von Wirbelgelenknerven kommt als Behandlungsmaßnahme vor allem in Frage bei chronischen, also schon relativ lange bestehenden Rückenschmerzen mit eventuell auch in die Beine ausstrahlenden Schmerzen. Insbesondere bei Patienten, die aufgrund von nachgewiesenen Verschleißerscheinungen im Bereich der Wirbelsäule häufig Spritzen mit jedoch nur kurz anhaltendem Effekt erhalten haben, ist dieses Verfahren häufig wirksam.
Die besten Resultate sind natürlich bei relativ gut lokalisierenden Schmerzbereichen, beispielsweise einem einseitig betonten Rückenschmerz, zu erzielen. Der Eingriff ist um so weniger erfolgreich, je „ gestreuter“ oder diffuser der Schmerz auftritt, z. B. Schmerzen im Bereich des ganzen Körpers.
Der Vorteil der Vereisung besteht vor allem darin, dass bei Erfolg die Schmerzreduktion ein bis zwei Jahre anhalten kann, ohne dass weiter Medikamente mit entsprechenden Nebenwirkungen in großen Mengen eingenommen oder immer wieder Betäubungsmittel an die Nerven gespritzt werden müssen.
Durch die kurzzeitige Kühlung peripherer Nerven auf -50 bis -60 C° wird eine reversible, lokale Leitungsunterbrechung erzielt. Der Eingriff kann problemlos wiederholt werden und wird von den Patienten gut akzeptiert.
Wenn dann nach der Vereisung eine zufrieden stellende Schmerzlinderung eingetreten ist, sollte im Rahmen der Krankengymnastik oder durch Aufnahme von sportlichen Aktivitäten versucht werden, die Wirbelsäule stabilisierende Rückenmuskulatur aufzubauen und zu kräftigen. Dies kann dann in einem solchen Ausmaß sehr effektiv durchgeführt werden, was zuvor bei bestehenden Schmerzen gar nicht möglich war. Dieser Muskelaufbau ist aber so eminent wichtig, da nur hierdurch der schmerzauslösende Verschleißprozess verlangsamt werden kann. Die belastende Fehlhaltung der Wirbelgelenke kann so zusätzlich beseitigt werden.
Die Risiken der Vereisung sind mit einer etwa tief eindringenden Spritze im Wirbelsäulenbereich zu vergleichen – also relativ gering. Vorbeugend gegen mögliche Entzündungen erhält der Patient während des Eingriffs ein Antibiotikum. Des Weiteren sind kleine Blutergüsse zu nennen und die selten auftretende Gefahr, lokale Nerven zu verletzen.
Es besteht in sehr vielen Fällen die Möglichkeit, durch Beseitigung oder zumindest Linderung der jahrelang bestehenden Schmerzen, das Leben der Betroffenen wieder etwas lebenswerter zu machen. Die Erfolgsquote, das heißt die Chance einer deutlichen, zufrieden stellenden Schmerzlinderung - bzw. Behebung liegt bei etwa 70 %.
